Politik und Wirklichkeit

Wie soll man an politische Probleme herangehen? Ideologisch oder unter Berücksichtigung der Tatsachen? Boris Palmer, der Oberbürgermeister von Tübingen, hat da eine ganz klare Meinung, für die er sich auch in den Wind stellt: Er hat sich schon seit eh und je für letzteres entschieden. Und das macht er auch in einem Buch aus dem Siedler Verlag deutlich.

Erst die Fakten, dann die Moral: Dieses Credo ist für ihn schon fast zum Mantra geworden. Und es ist auch schon irgendwie schizophren: Während ihn die Bürger im Städtle am Neckar dafür schätzen, er hohe Wahlergebnisse und Sympathiewerte vorweisen kann, ist er für viele in der eigenen Partei zum Außenseiter, ja fast zum Aussätzigen geworden, obwohl ihm andere (außerhalb der Grünen) durchaus das Zeug zum Ministerpräsidenten attestieren.

Irgendwie tritt er damit auch in die Fußtapfen seines Vaters, des legendären „Remstalrebellen“ Helmut Palmer. Auch der war ein Querkopf – aber auch seiner Zeit weit voraus. Ihm erging es allerdings noch schlimmer als dem Sohnemann: Der wird nur die Ecke gestellt, sein Vater wurde von der vermeintlich ewig regierenden CDU ins Gefängnis gesteckt. Nur wenige haben damals erkannt, wie viel Liebe zu seinem schwäbischen Heimatland der in sich trug.

Obwohl der Vater sich nicht zuletzt für die Autofahrer einsetzte, deren Vehikel dem Sohn nicht unbedingt das größte Herzensanliegen ist, so eint doch beide dies: Es ging und geht ihnen um die Sache. Und sie wichen und weichen auch nicht zurück, wenn sie auf großen Widerstand stoßen.

Und deswegen waren und sind beide ja so überaus glaubwürdig. Sie hätten den leichten Weg gehen können, aber sind den schweren gegangen.

Und deswegen macht es ja auch Hoffnung, daß Boris Palmer in diesem Buch auch Vorschläge unterbreitet, wie die Wirklichkeit wieder die Politik zu bestimmen vermöchte. Und nicht nur das, was man selber gerne hätte.

Boris Palmer: „Erst die Fakten, dann die Moral“; politische Betrachtung; Siedler Verlag, München 2019; 240 Seiten; 20 Euro

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