Monat der Entscheidung

Hitlers Machtergreifung – das war auch und gerade für das Gros von Deutschlands Literaten eine Katastrophe. Der wahre Abgrund tat sich indes nur mit (wenn auch nur wenig) Verzögerung auf. Aber gerade diese Phase beleuchtet der Literaturkritiker Uwe Wittstock in einem bemerkenswerten Buch aus dem Verlag C.H. Beck ganz intensiv.

Sicher, es deutete sich an, aber wie schlimm es wirklich werden würde, konnten oder wollten am 30. Januar 1933 viele (ja wohl die meisten) gar nicht wissen. Im Februar 33, den Wittstock als „Winter der Literatur“ einstuft, zeichneten sich indes die Konturen des Terrors, der sich dann mit der Bücherverbrennung vom Mai wohl für alle deutlich sichtbar Bahn brach, immer deutlicher ab. Und Uwe Wittstock zeichnet sie höchst eindrucksvoll immer dichter und dichter Tag für Tag nach.

Das Ende der Weimarer Republik und der von ihr geprägten Literatur ähnelt dem letzten Tanz auf der Titanic, auf der man den Untergang lange auch nicht wahrhaben wollte. Grandios nimmt Wittstock (auch unter Verwendung bislang unveröffentlichten Archivmaterials) seine Leser von heute mit hinein in die Atmosphäre jener Jahre – und auch in die Emotionen der Menschen, deren Schicksal sich in diesem Monat entscheiden sollte: Angst bei den einen, Hoffnung (und Selbsttäuschung) bei den anderen, Zaudern bei den einen, Entschlossenheit bei den anderen. Und dann diese schwierige Entscheidung: Soll ich bleiben und mich anbiedern oder soll ich gehen und meine Haut retten?

Man ist als Leser mittendrin in diesem Dilemma – und fragt sich immer wieder: Wie hätte wohl ich mich entschieden? Eine Frage, auf die es vielleicht gar keine Antwort gibt.

Uwe Wittstock: „Februar 33 – Der Winter der Literatur“; Verlag C.H. Beck, München 2021; 288 Seiten; 24 Euro

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