„Frieden“ ohne Chance

Als „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts sehen vielen den Ersten Weltkrieg – und dieses Urteil wurzelt nicht zuletzt in den so genannten „Friedensverträgen“ von Versailles und Trianon. Hoffnungen und Enttäuschungen der unmittelbaren Nachkriegszeit zeichnet Jörn Leonhard in einem neuen Buch aus dem Verlag C.H. Beck nach.Der Titel lautet zwar Der überforderte Frieden, doch in Wahrheit war ja nicht der Frieden überfordert, sondern die Politiker, die ihn in und um Paris aushandeln sollten. Vielleicht lag das ja daran, daß einfach zu viel in jener Zeit passierte: Aufbrüche und Umbrüche, Revolutionen und Bürgerkriege, Arbeitslosigkeit und Inflation, dazu noch die spanische Grippe.

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In all diese Widrigkeiten taucht der Professor für Westeuropäische Geschichte an der Uni Freiburg, der mit Die Büchse der Pandora schon eine beeindruckende Geschichte des Ersten Weltkriegs veröffentlicht hatte, mit exzellenter Sachkenntnis ein.

Er ermöglicht seinen Lesern dabei zuweilen auch deine völlig neue Sicht der Dinge: zum Beispiel auf das „Traumland“ zwischen dem Waffenstillstand und der Unterzeichnung der Verträge – eine Zeit, die mit großen Hoffnungen und Erwartungen auf eine neue Zeit des Friedens, der sozialen Gerechtigkeit und der Demokratie verbunden war, die allerdings fast komplett enttäuscht wurden.

Leonhard beschränkt sich in seinem grandiosen Werk dabei nicht nur auf Europa. Er zeigt auch auf, daß die Bezeichnung „Weltkrieg“ nicht aus der Luft gegriffen war. Und die Wurzel von vielem, was uns heute noch belastet, liegen in eben jener Zeit.

Darüber hinaus ist Jörn Leonhard auch einfach ein grandioser Erzähler, verbindet er doch viele Ereignisse mit anschaulichen Geschichten und Anekdoten, so dass die gut 1500 Seiten nie langweilig werden. Was schon an und für sich eine große Leistung ist, für einen Historiker  allerdings erst recht.

Jörn Leonhard: „Der überforderte Frieden. Versailles und die Welt 1918-1923“; Verlag C.H. Beck, München 2018; 1531 Seiten mit 88 Abbildungen; 39,95 Euro

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